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Domsgen/Handke, Lebensübergänge begleiten

Michael Domsgen, Emilia Handke (Hg.), Lebensübergänge begleiten. Was sich von Religiösen Jugendfeiern lernen lässt, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, mit DVD zur Segensfeier an der evangelischen Sekundarschule in Haldensleben (6:20), 252 S., 38 Euro

Im Osten gibt’s Neues. Das lässt sich über den äußerst lesenswerten Sammelband von Impulsen rund um das Thema Religiöse Jugendfeiern sagen. In 14 Aufsätzen bzw. Vortragsmanuskripten, die zum großen Teil auf eine Tagung zurückgehen, die 2015 in Halle stattfand, bekommt der Leser einen horizonterweiternden Einblick in das, was im Osten auf dem Feld der Schwellenrituale geschieht. Neben Jugendweihe und Konfirmation haben sich dort – ausgehend von einer katholischen Initiative – besonders an evangelischen Schulen, aber auch in ganzen Kirchenkreisen sogenannte Religiöse Jugendfeiern etabliert, die einen dritten Weg darstellen. Den Herausgebenden spürt man in ihren Texten den Willen an, dieser neuen Blüte am Strauß der Schwellenrituale eine Chance zu geben, weil das für viele Jugendliche die einzige Gelegenheit ist, den Sinn von Religion kennenzulernen, ohne gleich in der Kirche Mitglied werden zu müssen.

Wertvoll ist der Band durch die Vielfalt der Perspektiven der 12 Autorinnen und Autoren: Neben einem guten Überblick über den Stand der Entwicklung vor Ort stehen ritualtheoretische und schultheoretische Überlegungen, die extrem weit ausholen und zum Nachdenken anregen. Berichte von Praktikern finden sich ebenso wie eine zurückhaltend abwägende Position der Leiterin der EKD-Bildungsabteilung, der man anspürt, dass sie Jugendfeiern im Moment nicht für ein bundesweit zur Nachahmung empfohlenes Modell hält.

Gut gefallen hat mir der Text von Michael Meyer-Blanck, der die Konfirmation als Kasualie der Mündigkeit und Kirchlichkeit versteht und gleichzeitig zu einer Haltung des Experimentierens mit neuen Formen ermutigt. Auch Sarah Demmrichs Artikel ist besonders lesenswert, weist er doch darauf hin, dass Passagerituale keine Selbstverständlichkeit sind. Etwa 50 Prozent der heutigen Gesellschaften kennen kein adoleszentes Passageritual. Im Osten wie im Westen nimmt die Zahl derjenigen, die an keinem solchen Ritual teilnehmen, in den letzten Jahrzehnten spürbar zu. Natürlich ist der Osten Deutschlands eine religionssoziologische Singularität. Lernen lässt sich von ihm trotzdem.

Beigegeben ist dem Buch ein sehenswerter Kurzfilm mit Experteninterviews und vielen O-Tönen. Das Ritual, Kindheitsgegenstände bewusst abzulegen und loszulassen, könnte durchaus auch in Konfirmationen übernommen werden. Die Offenheit vieler religionslos aufgewachsener Jugendlicher und ihrer Eltern für Segen und Glauben macht Mut, auch in glaubensschwächeren Zeiten nach Wegen zu suchen, die Jugendlichen mit dem Evangelium und der Segenskraft Gottes vertraut zu machen. Mein Fazit: Eines der anregendsten Fachbücher zum Thema Übergangsrituale, das ich seit Langem gelesen habe.

Thomas Ebinger

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