Eine Rezension von Frauke Liebenehm, Dozentin am ptz Stuttgart
Was für ein Titel! Schon beim Aufschlagen wird deutlich, dass „Unsere allerbeste Kinderbibel“ mehr sein will als eine weitere Nacherzählung biblischer Geschichten. „Übersetzungen sind immer eine Enttäuschung“ zitiert Sören Dalevi, Bischof von Karlstad in Schweden in seinen „10 Gedanken, eine Kinderbibel zu machen“. Er beschreibt die Herausforderung, eine Bibel für Kinder zu verfassen, die dem Urtext weitestgehend gerecht wird. Die „allerbeste Bibel der Kinder“ (barnens bästa bibeln) liegt seit einigen Jahren auf Deutsch vor, und gleich beim Titel wird die Schwierigkeit einer Übersetzung deutlich. Der Autor nimmt nicht für sich in Anspruch, die beste KINDERBIBEL, sondern die beste BIBEL für Kinder verfasst zu haben. Für den Theologen, Religionspädagogen und Kinderbibelforscher Dalevi ist die Bibel das wichtigste Buch überhaupt. Seine Absicht war, Kindern dieses beste Buch, die Bibel zu erzählen. Dabei hat er immer auch Eltern und Erzieher:innen im Blick, die den Kindern daraus vorlesen. Auch sie sollen die Bibel als das beste Buch begreifen, das nicht nur alte Geschichten erzählt, sondern hochaktuell auch unseren Alltag aufnimmt und beschreibt. „Das Vergangene zur Gegenwart machen“ ist einer der Leitgedanken hinter dieser Kinderbibel.
Sören Dalevis Vorbild ist die erste Kinderbibel der Reformationszeit, die Martin Luther 1528 für den Gebrauch in der Familie zusammengestellt hat. Drei Dinge machen für ihn eine gute Kinderbibel aus: die Auswahl der Texte, ihre Bearbeitung und die Illustrationen. Dabei ist klar: Kinderbibeln transportieren immer die Theologie ihrer Verfasser:innen.
Das wird gleich zu Anfang deutlich: „Am Anfang, ehe es irgendetwas gab, war es dunkel und chaotisch. Ein einziges Tohuwabohu.“ „Tohuwabohu“ – bewusst wird dieser Ausdruck aufgenommen. „Öde und leer“, die bekanntere Übersetzung, trifft im Deutschen wie im Schwedischen nicht die Absicht und das Wortspiel des Urtextes. Aber alle verstehen, was mit Tohuwabohu gemeint ist. Als der Illustrator Marcus-Gunnar Pettersson diesen ersten Text der Kinderbibel gelesen hat, war er so überzeugt, dass er trotz anderer Projekte mit Dalevi zusammenarbeiten wollte. Gemeinsam haben beide dann die Illustrationen sehr überzeugend entwickelt und im Text platziert. Bilder und Worte bilden eine Einheit. Hier zeigt sich eine besondere Stärke dieser Kinderbibel: Text und Illustration erläutern und ergänzen einander. Besondere Textformen, wie Gleichnisse werden erzählerisch eingeführt. „Oft kam es vor, dass Menschen Jesus eine Frage stellten. Manchmal antwortete er dann, indem er ihnen eine kleine Geschichte erzählte…“ (S. 189). Wichtige Begriffe werden erklärt und in einen Zusammenhang gebracht. „Das Wort ‚passa‘ bedeutet übrigens ‚vorübergehen‘. In vielen Sprachen klingt ‚Ostern‘ deshalb so ähnlich wie ‚passa‘“ (S.128) heißt es beispielsweise bei der Geschichte vom Auszug aus Ägypten.
Die Texte sprechen Kinder und erwachsene Leser:innen ganz unmittelbar an ohne betulich zu wirken oder zu beschönigen. „Die Menschen hörten nicht auf, einander Böses anzutun. Sie sorgten nicht füreinander und nicht für die Natur.“ (aus der Noahgeschichte S.51) „ ‚Hast du für mich keinen Segen mehr?‘, fragte Esau und Tränen stiegen ihm in die Augen. ‚Nein‘, sagte Isaak, ‚dein Bruder hat dir den Segen gestohlen.‘ (…) und Jakob floh hinaus in die Nacht.“ (S.80).
Dalevi und Pettersson haben insgesamt 40 Texte aus dem Ersten und dem Neuen Testament ausgewählt, die bereits zu zu Zeiten der ersten Christ:innen zentrale Erzählungen waren und bis heute nichts von ihrer Aktualität und Bedeutung verloren haben. Das sieht man schon beim ersten Aufschlagen der Bibel. Die Illustrationen wirken zugleich zeitlos und gegenwärtig. Beim Turmbau zu Babel gibt es Baumaschinen und Kräne, Sarah und Abraham gehen auf Entdeckungsreise, Isaak liegt in einem Krankenbett mit Tropfgestell, David kämpft mit Soldaten in Uniform und Helm. Jesu Jünger tragen Arbeitskleidung und die Menschen Alltagsgewänder. Die dargestellten Personen bilden unsere moderne kulturelle Vielfalt ab. Besonders beeindruckend aktuell ist das Bild von Flucht und Exil beim Durchzug durch das Schilfmeer.
Gebete und Lieder ergänzen die biblischen Geschichten. So wie Martin Luthers Kinderbibel sowohl Bibel als auch Gebetsbuch war, so bereichern auch hier vor allem bekannte und klassische Kindergebete und Lieder die biblischen Geschichten. Auf der letzten Seite findet sich das Lied „Immer und überall“ und auf den Umschlaginnenseiten gibt es Abendgebet und den aaronitischen Segen. Damit ist die beste Kinderbibel eine wertvolle Unterstützung für die religiöse Erziehung in der Familie, für die Kinderkirche und im Konfi-3.
Allein in Deutschland sind zwischen 1955 und 2005 226 Kinderbibeln erschienen, die von der Schöpfung bis zum Neuen Testament die wichtigsten Texte enthalten. Mit ihrer gelungenen Verbindung aus theologischer Tiefe, kindgerechter Sprache und moderner Bildsprache reiht sich „Unsere allerbeste Kinderbibel“ in diese Tradition ein und setzt zugleich neue Akzente. Sie eignet sich zum Vorlesen in der Familie ebenso wie für Kinderkirche, Grundschule und Konfi 3 – eine Kinderbibel, die die biblischen Geschichten tatsächlich in die Gegenwart holt.

Sören Dalevi / Marcus-Gunnar Pettersson: Unsere allerbeste Kinderbibel. Gütersloher Verlagshaus, 2022.
Einblicke ins Buch beim Verlag:
„Unsere allerbeste Kinderbibel“ von Sören Dalevi – Buch – 2022

